Kaum ein Baum in Mitteleuropa ist so tief im Volksglauben verwurzelt wie der Holunder – und kaum einer wird heute so gedankenlos übersehen. Dabei stand er jahrhundertelang im Zentrum des bäuerlichen Lebens: als Schutzgeist des Hofes, als Wohnort mächtiger Geister und als stiller Zeuge von Geburt, Tod und allem dazwischen. Wer einmal verstanden hat, was unsere Vorfahren in diesem unscheinbaren Strauch sahen, blickt nie wieder gleichgültig an ihm vorbei.

Auf einen Blick
- Botanik: Schwarzer Holunder (Sambucus nigra), heimischer Strauch oder kleiner Baum, 3–7 m hoch
- Kulturelle Tiefe: Einer der volksglaubenreichsten Bäume Europas – von Skandinavien bis in den Balkan verehrt
- Verbindung: Gilt als Wohnort der Frau Holle und als lebendes Schutzamulett des Hofes
- Jahreskreis: Blüte zu Johanni (Juni), Frucht zum Herbst – beide Phasen rituell bedeutsam
- Heute noch: Holunderblüten und -beeren sind Teil einer lebendigen Küchen- und Heilpflanzentradition
- Besonderheit: Fast alle Teile der Pflanze spielen in Überlieferungen eine Rolle – Holz, Blatt, Blüte, Rinde, Frucht
Frau Holle und der Holunder – eine uralte Verbindung
Wer bei „Frau Holle“ nur an das Märchen der Gebrüder Grimm denkt, ahnt kaum, wie viel älter diese Gestalt ist. In der deutschen Volksüberlieferung gilt Frau Holle – auch Hulda, Holda oder Holle genannt – als eine der zentralen weiblichen Geistgestalten: Herrin über Wetter und Jahreszeiten, Hüterin der Seelen, Schützerin des Hauses. Und ihr irdisches Zuhause? Der Holunderstrauch.
Schon der Name verrät die Verbindung: „Holunder“ leitet sich nach verbreiteter volkskundlicher Deutung von „Holda“ ab – wenngleich die Etymologie nicht restlos gesichert ist. Was gesichert ist: In weiten Teilen des deutschsprachigen Raums galt der Holunderstrauch als bewohnt von einer weiblichen Schutzgestalt, die man mal ehrfürchtig „die Holderfrau“, mal einfach „Frau Holle“ nannte. Sie sorgte dafür, dass Hof, Haus und Menschen gedeihen – solange man ihr den schuldigen Respekt zollte.
Dieser Respekt hatte sehr konkrete Formen. Wer am Holunder vorbeikam, grüßte. Wer einen Ast brauchen wollte, bat zuerst – laut, mit Worten. In Thüringen und Sachsen überlieferte man den Spruch: „Holder, lieber Holder, ich bitte dich, lass mich ein Ästlein schneiden.“ Erst nach einer kurzen Pause – als würde man auf Antwort warten – begann die Arbeit. Wer ohne Bitte schnitt, dem drohte nach volkstümlicher Überzeugung Unglück: Krankheit, Unfälle oder der Tod eines Angehörigen.
Bemerkenswert ist, wie lebendig diese Überlieferung noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert war. Volkskundler wie Wilhelm Mannhardt und später Adolf Spamer dokumentierten solche Bräuche nicht als museale Kuriositäten, sondern als gelebte Praxis. Der Holunder war kein Symbol – er war ein Gegenüber.
Das wusstest du vielleicht noch nicht: In einigen Gegenden Norddeutschlands durfte der Holunderstrauch am Hof unter keinen Umständen vollständig gerodet werden – selbst wenn er ungünstig stand. Stattdessen wurde er zurückgeschnitten und rituell gebeten, an anderer Stelle neu zu wachsen. Die Vorstellung, dass mit dem Tod des Holunders die Schutzgestalt des Hofes „stirbt“, war in Teilen der Bevölkerung noch bis ins frühe 20. Jahrhundert lebendig.
Schutzbaum des Hofes – der Holunder als lebende Wacht
In der bäuerlichen Welt hatte jeder Platz seine Funktion, und der Holunder hatte seinen: Er stand am Hof. Nicht zufällig, sondern gesetzt – von Generation zu Generation gepflanzt, gehegt, befragt. Wer einen alten Vierseithof in Thüringen, Bayern oder Österreich betritt, findet oft heute noch einen alten Holunderstrauch nahe der Stalltür oder am Übergang zwischen Garten und Hof. Das ist kein Zufall und kein rein praktischer Entscheid.
Die Schutzfunktion des Holunders war mehrschichtig. Zum einen böte er – so der Volksglauben – Schutz vor Blitzschlag, was angesichts der strohgedeckten Höfe ein ernstes Anliegen war. Zum anderen galt er als Abwehr gegen „das Böse“ in einem umfassenderen Sinn: gegen Hexen, Geister, Unglück und Krankheit. Wer einen Holunderstrauch am Haus hatte, so die Überzeugung, dem war eine schützende Kraft wohlgesonnen.
Besonders der Eingang zum Stall war ein symbolisch bedeutsamer Ort: Hier trafen Mensch und Tier, Innen und Außen, Bekanntes und Unbekanntes aufeinander. Holunder an der Stalltür sollte Vieh vor Krankheit bewahren und böse Geister fernhalten. Ähnliche Funktionen übernahm er an Brunnen und Kellereingängen – überall dort, wo das Hausinnere zur Außenwelt geöffnet war.
Im österreichischen und süddeutschen Raum findet sich die Überlieferung, dass man einen Holunderzweig ins Haus tragen solle, wenn man ein Neugeborenes schützen wollte. In anderen Gegenden hängte man getrocknete Holunderblüten über Türen und Fenster. Der Strauch lebte also nicht nur am Hof – er zog, in Teilen, ins Haus mit ein.
Beobachtungstipp: Wer durch alte Dörfer geht, findet Holundersträucher oft an charakteristischen Stellen: nahe Hauseingängen, an Zaunecken, neben alten Kellertreppen. Diese Standorte sind selten zufällig – sie spiegeln eine jahrhundertealte Schutzpflanzung wider, die sich im Dorfbild erhalten hat, auch wenn das Wissen darum längst vergessen ist.
Volksglaube und Aberglaube – zwischen Ehrfurcht und Angst
Wo starker Volksglaube ist, ist auch Ambivalenz. Der Holunder war nicht nur Schutz – er war auch gefährlich, wenn man ihn falsch behandelte. Diese Zweideutigkeit zieht sich durch fast alle europäischen Holunder-Überlieferungen und macht den Baum volkskundlich so interessant.
Das Schlafen unter einem Holunderstrauch galt in vielen Regionen als riskant. Man fürchtete, dass ein solcher Schlaf Unglück bringen oder den Schlafenden in Kontakt mit Kräften der unsichtbaren Welt bringen könnte. Ähnliches erzählte man vom Rauch brennenden Holunderholzes: Er soll Visionen oder Bewusstseinstrübung verursachen. Hier vermischen sich reale Pflanzenwirkungen (grüne Pflanzenteile und ungereifte Beeren des Holunders enthalten schwach giftige Verbindungen) mit überlieferter Magie zu einer kaum mehr trennbaren Einheit.
Besonders das Verbrennen von Holunderholz war in weiten Teilen Deutschlands tabu. Wer Holunderholz ins Feuer warf, so die Überzeugung, holte sich den Tod ins Haus – buchstäblich, denn der Geist im Holunder würde den Frevler heimsuchen. Diese Überlieferung ist so weit verbreitet, dass sie kaum regional zuzuordnen ist: Sie findet sich in Niedersachsen, in der Schweiz, in Tirol und in Böhmen.
Gleichzeitig galt Holunder als Mittel gegen Behexung. Holunderzweige über der Stalltür schützten das Vieh vor dem bösen Blick. Holunderrinde, in bestimmter Weise präpariert, war ein Bestandteil von Schutzmitteln, die Kräuterfrauen und Klugfrauen in ihrer Arbeit einsetzten. Der Baum war also nicht böse – aber mächtig, und Macht verlangt Respekt.
Holunder im Jahreskreis – von der Blüte bis zum ersten Frost
Der Holunder folgt dem Jahr auf seine eigene Weise, und das bäuerliche Leben folgte ihm. Zwei Momente im Jahreskreis waren besonders bedeutsam: die Blüte und die Ernte.
Die Holunderblüte fällt ungefähr auf Johanni, das Fest der Sommersonnenwende am 24. Juni. Diese zeitliche Übereinstimmung war für die Volksüberlieferung nicht zufällig: Johanni gilt als eine der Nächte, in der die Kräfte der Pflanzen besonders stark sind, in der Geister leichter zu befragen sind und in der Kräuter mit besonderer Wirkung geerntet werden sollten. Holunderblüten, zu Johanni geerntet, galten als besonders heilkräftig – ein Motiv, das sich in Kräuterbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts wiederfindet.
Die Holunderernte im Herbst – die dunklen, fast schwarzen Dolden, schwer von Saft – war dagegen mit Gedanken an Vorrat, Schutz und den nahenden Winter verbunden. Holundersaft und -sirup wurden traditionell bei Erkältungen verwendet und wurden in vielen Haushalten sorgsam eingekocht. Der Holunder füllte nicht nur den Vorratskeller – er schützte, so glaubte man, vor den Krankheiten der kalten Jahreszeit.
Auch der Frühling hatte seinen Holunder-Moment: Wenn die ersten Blätter austrieben, galt das als verlässliches Zeichen, dass der letzte Frost vorbei sei. Bauern richteten ihren Anbaukalender daran aus. „Wenn der Holder grünt, kannst du säen“ – solche Regeln, im Volksmund überliefert, verbanden pflanzliche Beobachtung mit praktischer Landwirtschaft auf eine Art, die man heute als „phänologischen Kalender“ bezeichnen würde.
Für den Garten heute: Wer Holunder im Garten pflanzt, kann diese alten Beobachtungsregeln reaktivieren. Der Laubaustrieb des Schwarzen Holunders gilt als verlässlicher phänologischer Marker für das Ende der Spätfröste – nützlicher als viele Kalenderangaben.

Symbolik und Bedeutung – was der Holunder bedeutete
Der Holunder stand symbolisch an der Schwelle zwischen den Welten. Diese Schwellenfunktion – zwischen Haus und Wildnis, zwischen Lebenden und Toten, zwischen Alltag und dem Übernatürlichen – ist der rote Faden, der sich durch seine volkskundliche Bedeutung zieht.
Tod und Erneuerung waren die großen Themen. In einigen Regionen pflanzte man Holunder auf Gräber – nicht als Zeichen der Trauer, sondern als Schutz für die Toten und als Brücke zwischen den Lebenden und denen, die gegangen waren. In anderen Überlieferungen gilt Holunder als Baum, unter dem man die Seelen Verstorbener befragen kann. Diese Verbindung mit den Toten ist kein düsteres Motiv – sie ist Ausdruck einer zyklischen Weltanschauung, in der Tod und Leben sich abwechseln wie Sommer und Winter.
Gleichzeitig stand der Holunder für Weiblichkeit und Fruchtbarkeit. Die üppige weiße Blüte, der schwere dunkle Fruchtsaft, die nährende und traditionell geschätzte Verwendung – all das verband ihn mit dem weiblichen Prinzip, mit der großen Mutter, mit Frau Holle. Kein Zufall, dass in vielen Überlieferungen gerade Frauen es sind, die den Holunder respektieren, ehren und rituell nutzen.
Das Holz des Holunders selbst spielte eine eigene symbolische Rolle. Wegen seiner leicht zu entfernenden weichen Markfüllung war es einfach auszuhöhlen – Flöten, Röhren und einfache Blasinstrumente entstanden daraus. Diese hohlen Röhren galten als besonders geeignet, um Geister zu rufen oder zu vertreiben. In einigen Regionen schnitzte man aus Holunderholz kleine Figuren oder Werkzeuge für magische Zwecke.
Brauchtum in Deutschland und Europa – viele Stimmen, ein Baum
Was den Holunder so faszinierend macht, ist seine gesamteuropäische Präsenz im Volksglauben. Von den britischen Inseln bis zum Schwarzen Meer, von Skandinavien bis nach Süditalien – überall begegnet man Überlieferungen, die frappierend ähnlich sind, obwohl sie sich unabhängig voneinander entwickelt haben.
In Dänemark und Schweden kannte man den Hyldemor, die „Holundermutter“: eine Geistgestalt, die im Strauch wohnte und um Erlaubnis gebeten werden musste, bevor man einen Ast abschnitt. Die Parallele zur deutschen Holderfrau ist unübersehbar. In England sprach man vom Elder Mother und richtete ähnliche Bitten an sie. Wer ohne Bitte schnitt, dem drohte auch hier Unglück.
In Osteuropa – Polen, Tschechien, der Slowakei – war der Holunder vor allem mit Hausgeistern assoziiert. Man pflanzte ihn nahe der Haustür, um den Schutzgeist des Hauses anzulocken oder zu erhalten. In einigen Gegenden glaubte man, dass der Geist des Hauses selbst im Holunderstrauch wohne und beim Umzug in ein neues Haus unbedingt ein neuer Holundersetzling mitgebracht werden müsse.
Interessant ist auch der irisch-keltische Holunder, der in der alten Baumrune Ruis oder im Ogham-Alphabet als eigener Laut festgehalten ist. In der keltischen Überlieferung galt Holunder als Baum der Faeries, der Anderswelt – wieder diese Schwellenfunktion, wieder die Verbindung mit dem Unsichtbaren.
Volkskundliche Quellenlage: Wer tiefer in die Überlieferungen rund um den Holunder eintauchen möchte, findet wichtige Hinweise in den Arbeiten von Wilhelm Mannhardt (Wald- und Feldkulte, 1875/77) sowie im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens (1927–1942). Beide Werke sammeln zahlreiche regionale Volksüberlieferungen aus dem deutschsprachigen und europäischen Raum. Viele der dort beschriebenen Bräuche und Vorstellungen wurden jedoch erst im 19. oder frühen 20. Jahrhundert dokumentiert. Sie belegen daher vor allem die damalige Volkskultur und gelten nicht automatisch als Nachweis vorchristlicher Glaubensvorstellungen.

Redensarten und Überlieferungen – was der Holunder in die Sprache brachte
Bäume, die so tief im Volksleben verwurzelt sind, hinterlassen ihre Spuren in der Sprache. Der Holunder ist keine Ausnahme – zahlreiche Bauernregeln und Überlieferungen haben sich bis heute erhalten.
Zahlreiche Bauernregeln bezogen sich auf den Holunder als phänologischen Kalender:
- „Blüht der Holder weiß, wird der Sommer heiß.“
- „Wenn der Holunder blüht, ist die Frostgefahr vorbei.“
- „Trägt der Holder viel, wird der Winter nicht still.“ – eine Regel, nach der eine reiche Holunderernte einen harten Winter ankündigte.
Diese Regeln verbinden Naturbeobachtung mit Erfahrungswissen auf eine Weise, die zwar nicht wissenschaftlich überprüfbar ist, aber jahrhundertelange bäuerliche Beobachtung widerspiegelt. Wie bei allen Bauernregeln gilt: Sie sind Hinweise, keine Gewissheiten – aber sie zeigen, wie aufmerksam vergangene Generationen ihre Umwelt lasen.
Holunder heute – was bleibt
Der Holunder ist heute kein Geisterwohnort mehr – zumindest nicht für die meisten Menschen. Und doch ist er geblieben: in Bauerngärten, an Feldrändern, in Stadtbrachen und Kleingärten. Seine Blüten landen in Limonade und Sirup, seine Beeren in Tinktur und Gelee. Holunderblütensirup ist eines der beliebtesten heimischen Selbermacher-Projekte überhaupt.
Was verloren gegangen ist, ist der Blick auf ihn. Die Aufmerksamkeit, die unsere Vorfahren diesem Strauch schenkten – das Begrüßen, das Bitten, das Beobachten über Jahrzehnte hinweg. Es war ein Blick, der den Holunder als Wesen sah, nicht als Ressource. Ob man das als Aberglauben abtut oder als Weisheit erkennt, ist eine Frage der Perspektive.
Was bleibt, ist die Einladung: Den Holunder wieder wahrzunehmen. Seinen Duft in der Johanniblüte. Das schwere Lila der Fruchtstände im September. Den kräftigen Austrieb im Frühling als verlässlicheres Frostzeichen als jede App. Und, wer möchte: eine kurze Pause, bevor man einen Ast schneidet. Nicht aus Aberglauben – sondern aus Respekt vor einem Lebewesen, das in deutschen Gärten und Dörfern länger zu Hause ist als die meisten Häuser, die es umgeben.
Der Holunder fragt nicht, ob wir an ihn glauben. Er wächst einfach – am Zaun, am Hof, am Wegrand. Aber vielleicht lohnt es sich, ihn das nächste Mal zu grüßen.
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Häufig gestellte Fragen zum Holunder im Volksglauben
Warum galt der Holunder als besonderer Baum?
Der Holunder wurde in vielen Regionen Europas als Schutzbaum angesehen. Zahlreiche Überlieferungen berichten davon, dass er Haus, Hof und Bewohner vor Unglück, Krankheit oder bösen Einflüssen bewahren sollte.
Welche Verbindung besteht zwischen Frau Holle und dem Holunder?
In vielen deutschen Volksüberlieferungen galt der Holunder als Wohnort von Frau Holle oder der sogenannten Holderfrau. Deshalb behandelten viele Menschen den Strauch mit besonderem Respekt und baten sogar um Erlaubnis, bevor sie Äste abschnitten.
Warum durfte man Holunder früher oft nicht fällen?
Nach altem Volksglauben konnte das Fällen eines Holunderstrauchs Unglück bringen. Man glaubte, dass schützende Geister oder Hauswesen mit dem Strauch verbunden seien und durch seine Zerstörung vertrieben würden.
Welche Bedeutung hatte der Holunder im Jahreskreis?
Die Blütezeit rund um Johanni sowie die Beerenernte im Herbst spielten in vielen Bräuchen eine wichtige Rolle. Der Holunder wurde häufig mit Fruchtbarkeit, Schutz, Erneuerung und dem Wechsel der Jahreszeiten verbunden.
Gibt es diese Holunder-Bräuche heute noch?
Die meisten traditionellen Vorstellungen werden heute nicht mehr im ursprünglichen Sinn gelebt. Dennoch sind viele Bräuche, Geschichten und Redensarten erhalten geblieben und machen den Holunder bis heute zu einer der bekanntesten Pflanzen der europäischen Volkskultur.
Fazit
Der Holunder begleitet die Menschen in Europa seit Jahrhunderten. Kaum ein anderer Strauch vereint Volksglaube, Brauchtum, Naturbeobachtung und Alltagsnutzung auf so besondere Weise. Für unsere Vorfahren war er weit mehr als eine Pflanze am Wegesrand. Er galt als Schutzbaum des Hofes, als Wohnort geheimnisvoller Wesen und als Verbindung zwischen der sichtbaren und unsichtbaren Welt.
Auch wenn viele dieser Überlieferungen heute vergessen sind, lebt der Holunder weiter. Seine Blüten und Beeren werden noch immer genutzt, seine Geschichten werden weitererzählt und seine Symbolik fasziniert bis heute. Wer sich mit dem Holunder beschäftigt, entdeckt nicht nur eine bemerkenswerte Pflanze, sondern auch ein Stück europäischer Kulturgeschichte.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, beim nächsten Spaziergang einen Holunderstrauch etwas genauer zu betrachten. Denn manchmal erzählen gerade die unscheinbaren Pflanzen die spannendsten Geschichten.
Hinweis: Dieser Artikel dient der kulturellen und volkskundlichen Information. Angaben zu Heilwirkungen von Holunder oder Pflanzenteilen ersetzen keine medizinische Beratung. Grüne Pflanzenteile, Rinde und unreife Beeren des Schwarzen Holunders sind roh nicht zum Verzehr geeignet. Alle ethnobotanischen und volkskundlichen Überlieferungen werden als historisches Kulturgut dargestellt, nicht als Handlungsempfehlung.
